Ein Chor ist nicht nur einfach ein Chor

Von Michaela Adick

Festakt in der Waldorfschule zum 60. Geburtstag des Heinrich-Schütz-Chors

Er sollte nicht nur einfach ein Chor sein. Der Heinrich-Schütz-Chor sollte Hoffnung auf bessere Zeiten machen, den Heilbronnern, die nach dem Krieg in einer Trümmerlandschaft lebten, eine Art Heimat bieten. Ein Mutmacher-Chor sollte er sein, beileibe aber kein Chorprojekt, das von Fritz Werner für die Ewigkeit angelegt worden wäre.

Und dennoch: In diesen Tagen feiert die Heilbronner Institution tatsächlich ihren 60. Geburtstag. Grund genug, in einem Festakt in der Waldorfschule Heilbronn nicht nur die Arbeit des Chores zu würdigen, der in den letzten 60 Jahren rund 250 Auftritte absolviert hat. In einem launigen Festvortrag lässt Christhard Schrenk, Leiter eben jenes Heilbronner Stadtarchivs, das die Rechtsnachfolge von Fritz Werner angetreten hat, gleich 500 Jahre Heilbronner Musikgeschichte Revue passieren.

Ein Ding der Unmöglichkeit, gewiss. Mit dem Mut zur Lücke und einer gehörigen Portion Witz konzentriert sich Schrenk auf fünf unterhaltsame Episoden. Schrenk skizziert die Geschichte des Heilbronner Musikschatzes, einer schier unerschöpflichen Sammlung aus der Renaissance, macht einige Schlenker über die musikalische Blütezeit am Ende des 18. Jahrhunderts, in der einig musikalische Gesellschaften gegründet worden sind. Er streift das Sängerfest, das 1840 vom Bürgertum organisiert worden ist: Ein Politikum im Vormärz. Über 1000 Sänger aus ganz Württemberg reisten damals an.

Ausgepowert“, so Christhard Schrenk, müssen die Heilbronner jedoch nach dem Konzertmarathon Pfingsten 1840 gewesen sein. Auf Jahre hinaus sollte es in der Käthchenstadt kein abendfüllendes Konzert mehr geben. Dafür werden Heilbronner zunehmend politisch aktiv. Mit der so genannten Katzenmusik ziehen sie 1848 durch die Straßen, Musik wird in den Zeiten der Revolution zu einer Waffe.

Mit Anmerkungen zu einem Musikskandal, der sich Anno 1863 zugetragen hat, endet der Vortrag: Die Kirchengemeinderäte der Kilianskirche verweigerten damals die Aufführung der „Schöpfung“ von Joseph Haydn: Sie nahmen Anstoß an der erotischen Poesie.

Doch was wäre ein Festakt ohne einen Auftritt des Heinrich-Schütz-Chors. Brahms-Lieder, Stücke von Fritz Werner und Heinrich Schütz runden die Matinee ab.

Chorleiter Michael Böttcher, der den Heinrich-Schütz-Chor seit zwölf Jahren betreut, geht optimistisch in die nächsten Jahre. Denn der Chor wächst: Auf 80 Aktive kann er inzwischen bauen: Die Nachwuchsarbeit funktioniert, nicht zuletzt dank der Kooperationen mit der Jungen Orchesterakademie der Region Franken. Ein kleines Wunder in Zeiten des Chorsterbens.